Wallstein Verlag



Fragmente aus »Erwin und Elmire«


Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Joëlle Stoupy


Den Hintergrund zur Liebesgeschichte von Erwin und Elimre bildet Wien. Das szenische Konzept zeigt Andrians Absicht, von der realistischen Ebene zu einer mystischen hinzuführen.


Bereits vor der Periode des Garten der Erkenntnis, der 1895 erschien, zeigte sich Leopold Andrian (1875-1951) als höchst selbstständiger und eigenartiger Lyriker. Der 18jährige hatte Carl August Klein als Herausgeber der Blätter für die Kunst ein erstes Gedicht angeboten. Kurz darauf lernte er den fast gleichaltrigen Hofmannsthal kennen; eine lebenslange Freundschaft sollte die beiden verbinden. Somit war er in die literarische Sphäre des frühen österreichischen Symbolismus eingetreten. Mit Stefan George fanden zwei persönliche Begegnungen statt; später widmete George ihm im Teppich des Lebens das Gedicht »Den Brüdern«.
Selten nur hat eine kurze Erzählung so enthusiastische Aufnahme gefunden wie Andrians Garten der Erkenntnis: Als spezifisches Werk der Jungen Wiener manifestieren sich in ihm Zeit und Geist des Fin de siècle. Das spätere Wort Hermann Bahrs vom »unrettbaren Ich« hatte Andrian hier schon vorbereitet mit Worten wie »grundlos in einem Dasein, dessen Gesetz nicht mehr aus ihm kam«.
In unmittelbarer Nähe zu den ersten Gedichten, die Andrian für eine Publikation in den Blättern vorsah, entstanden die Fragmente zu Erwin und Elmire, »das erste eigentl. mit Freude Consequenz u. inneren Antheil Gearbeitete«, das in insgesamt sieben Heften mit Aufzeichnungen und Entwürfen niedergeschrieben ist. Den Hintergrund zur Liebesgeschichte von Erwin und Elmire bildet Wien. Das szenische Konzept zeigt Andrians Absicht, von der realistischen Ebene zu einer mystischen hinzuführen: »Du gleichst jenen wunderschönen Fraun / Die im Orient dem mystisch-stillen Meer entstiegen«. Hier mischt sich Andrians Liebeserleben mit dem Lebensgefühl der Moderne: der Mensch auf der ständigen Suche nach Reizen, zehrend von einer nervösen Wechselhaftigkeit. Der junge Hofmannsthal spricht vom »gedankenzerwühlten, fiebernden Fin-de-siècle«, von »Stimmung! Stimmung! Stimmung!!!«. Bei Andrian lesen wir: »Und zwischen den prunkenden rätselhaften tiefroten Lippen / Brannte eine nervöse schmale Cigarette«.
Die hier vorliegende Erstveröffentlichung der Fragmente aus Erwin und Elmire ist eine Rekonstruktion; dank dieser Entdeckung kann nun der Schaffensprozess der Andrianschen Lyrik präzisiert werden. Es wird deutlich, dass viele, schon bekannte Gedichte dem Werkentwurf Erwin und Elmire entstammen. Auch die Motivik, die im Garten der Erkenntnis eine Rolle spielen wird, findet sich schon vorbereitet. Die Herausgeberin Joëlle Stoupy hat nicht nur eine Lücke in der Werkgeschichte dieses »frühvollendeten« Dichters geschlossen; zugleich wird mit dieser Edition ein neuer Zugang zu diesem »österreichischen Rimbaud« und zum Wiener Fin de siècle eröffnet.

Publikation der Stiftung Castrum Peregrini, bereits 1993 in Amsterdam erschienen.


Link: www.castrumperegrini.org
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