Seite drucken
Der Gläserne Garten Claire Goll

Der Gläserne Garten

Prosa von 1917-1939

Hg. von Barbara Glauert-Hesse

€ 19,00 (D) | € 19,60 (A)

367 S., geb., Schutzumschlag
ISBN 978-3-89244-396-4

Inhalt

Der »Gläserne Garten« versammelt die gesamte frühe Prosa von 1917-1939. Neben den expressionistischen Novellensammlungen »Die Frauen erwachen«, »Der Gläserne Garten« und »Tagebuch eines Pferdes« sind es vor allem die heute nicht mehr bekannten journalistischen Beiträge, die Unerwartetes bereithalten. In leidenschaftlichen Anklagen gegen den Krieg verbindet sich Claire Golls radikales Eintreten für die Gleichberechtigung der Frau mit ihrem pazifistischen Engagement. Es sind gerade die journalistischen Beiträge in diesem Band, die eine andere Claire Goll zeigen.

Leseprobe

»Die Jungfrau von Orléans noch einmal verbrannt. Eine wahre Geschichte« (1928)

Welch seltsame Vorbestimmung in den Schicksalen mancher Menschen! Oder ist es nicht schon von vornherein von den Parzen geregelt, dieses tragische Szenario der Jeanne Laneau, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts dem bekannten französischen Bildhauer Frémiet Modell zu dem berühmten Standbild auf dem Pariser Pyramidenplatz stand und die von der Fatalität wirklich und wahrhaftig in diesen Tagen auf den Scheiterhaufen geschickt wurde, weil sie als junges Mädchen einige Wochen lang die große Heldin verkörpert hatte?

(...)

Ich befand mich eines Abends im Geschäft meiner Corsetière und war eben dabei, wegzugehen, als die Tür aufgerissen wurde und die Pförtnerin des gegenüberliegenden Hauses wie ein Gespenst aus Gips hereintaumelte: »Schnell, schnell...Hilfe...Sanität...Fräulein Johanna brennt...Die Feuerwehr schon da...mein Gott, mein Gott...schnell ...« Die Geschäftsinhaberin zerrte mich zur Tür, die Treppe hinunter. Ich kannte Fräulein Johanna seit fünfzehn Jahren. Sie war die Austrägerin des Geschäftes. Mehrere Male im Jahr kam sie zu mir ins Haus und brachte mir kleine Pakete, in Seidenpapier gewickelt, von rosa Schnürchen gehalten. Artikel intimer, weiblicher Garderobe.
(...)
Keuchend durchbrachen wir den Auflauf von Menschen, die sich schon im Hausflur, halb mitleidig, halb neugierig zusammengerottet hatten. Man flüsterte: »Verbrennung dritten Grades...schreit sie noch...was, die Augen ...« Trotz jener Angst, die im Magen wie ein Gewicht von vielen Kilos liegt, liefen wir immer schneller.
(...)
Die Corsetière stieß hervor: »Lebt sie?«
»Wäre besser, sie wäre tot«, kam es flüsternd zurück. »Wir konnten sie zuerst nicht von den Möbeln unterscheiden. Alles bildete eine einzige Flamme...Ein kleiner umgeworfener Benzinofen ...«


»Die Unbekannte aus der Seine« (1936)

Armandier war stehengeblieben und blickte auf die vier Brücken, die ihm gleichzeitig in die Augen sprangen. Diese Wölbung! Der ideale Unterschlupf aller Strolche von Paris! Und dort unten, unter dem Pont Saint-Louis, hatte man jene ermordete Prostituierte gefunden. Er gellte ihm noch in den Ohren, der Schrei, den er damals hörte: »Mörder! Helft!« Ein Schrei, der ein riesiges Loch in die Nacht reißt. Und dann, gleich nachher, das Schweigen, monströs, ein großes schwarzes Tuch breitend über das Verbechen. Und das Opfer: gefesselt, geknebelt, übertäubt von diesem Schweigen. Eine Straßendirne, zwölf Dolchstiche in der Brust wie zwölf Ordenssterne.
Durch Wochen hatte er gefürchtet, sein Haus auf dem Quai de Bourbon zu betreten. Sooft er über die Brücke gehen wollte, wurde er von Panik erfaßt. Wer war das nur, der ihm folgte? Wer zwang ihn zu Geständnissen? Er drehte sich um, er will es stellen, das Phantom! Es ist das Mädchen mit den Blutsorden! Er möchte davonlaufen, aber der Flügelschlag eines riesigen Nachtfalters treibt ihn zurück ...
»Nur kaltes Blut bewahren! Du weißt ja, daß es nur die flackernde Gaslaterne ist, die sich dort drüben an den Brückenpfeiler lehnt, neben der Laterne. Die paar Stufen, die zu dieser führen, sind rot bemalt: Das ist der Tatort. Er täte besser daran, über den Pont Louis-Philippe heimzugehen. Es war nur die Scham, die ihn von diesem Umweg zurückgehalten hatte. Abend für Abend zauderte er, wenn er zu entscheiden hatte, über welche der sechs Brücken er nach Hause gehen sollte. Ihre Pfeiler, die auf Seufzern ruhten, ihre Brüstungen, an die sich die Lemuren gelehnt hatten - sie boten nur geringe Sicherheit. Es galt, über eine Brücke zu gehen, die Hunderte von Armandiers bestürmten...Es fehlte ihm gewiß nicht an Mut, er war bereit, allen Räubern, Dieben und Mördern die Stirn zu bieten - aber mit seinem eigenen Doppelgänger kämpfen, die Geständnisse eines zweiten Armandiers anhören, der aus einer früheren Existenz wiederkehrte - nein, das ging über seine Kräfte!