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Hundert Tage Lukas Bärfuss

Hundert Tage

Roman


€ 13,90 (D) | € 14,30 (A)

198 S., geb., Schutzumschlag
Format: 12 x 20 cm
ISBN 978-3-8353-0271-6

Inhalt

Die Geschichte eines moralischen Irrtums, der in Ruanda eines der größten Verbrechen des Jahrhunderts ermöglichte. Der Roman zweier Menschen, die im Chaos ihrer Zeit um ihre Unschuld kämpfen.

Ruanda, April 1994, in Kigali wütet der Mob. David, Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungshilfe, hat das Flugzeug, mit dem die letzten Ausländer evakuiert wurden, abfliegen lassen. Er versteckt sich hundert Tage in seinem Haus, vom Gärtner mit Nahrung versorgt - und mit Informationen über Agathe, Tochter eines Ministerialbeamten, die der Grund für sein Bleiben ist. Die vergangenen vier Jahre ihrer Liebe ziehen ihm durch den Kopf, die Zeit, die er als Entwicklungshelfer in Kigali verbrachte. Millionen wurden in ein totalitäres Regime gepumpt, das schließlich, als es die Macht an eine Rebellenarmee zu verlieren drohte, einen Genozid organisierte. Auch David wurde zum Komplizen der Schlächter, und als die Aufständischen Kigali einnehmen, flieht er mit den Völkermördern über die Grenze. Dort findet er in einem Flüchtlingslager Agathe wieder, aber es ist nicht die Frau, die er einmal liebte.
Lukas Bärfuss' minutiös recherchierter Roman berichtet von Menschen, die das Gute beabsichtigten und das Böse bewirkten. »Hundert Tage« erzählt ein dunkles Kapitel aus Afrikas Geschichte, in das wir tiefer verstrickt sind, als wir glauben wollen. Nicht zuletzt ist es die bewegende Geschichte einer Liebe in Zeiten des Krieges und die Geschichte von den Verheerungen, die der Hass anrichtet.

www.lukasbaerfuss.ch

Laudatio von Roman Bucheli auf Lukas Bärfuss, Mara-Cassens-Preis, Hamburg, 8. Jan. 2009: Laudatio Bärfuss Hamburg

Link zum Interview mit Lukas Bärfuss auf der Frankfurter Buchmesse 2008: essay on prejudice

Link zum Interview mit Lukas Bärfuss in der Sendung »Kulturzeit« auf 3sat: popular culture essays

Leseprobe

Ich will es nicht beschreiben, man hat genug darüber gelesen, und tatsächlich befanden sich ganze Kompanien von Presseleuten im Nordkivu. Fernsehteams filmten Sterbende, und niemand sollte denken, dass die Kameras nach ihnen suchen mussten, es war einfach nicht anders möglich. In welche Richtung man auch sah, es befand sich immer ein sterbender Mensch im Blickfeld. Die Journalisten traten den Helfern auf die Füße, und wenn sie sich auch nicht mochten und ein ziemlicher rüder Umgangston in den Lagern herrschte, so wussten sie doch alle, wie sehr sie aufeinander angewiesen waren und jeder nur seinem Geschäft nachging. Die Helfer drängten vor die Kameras, schließlich ging es für sie um Spendengelder, und tatsächlich waren kaum bessere Bilder vorstellbar, um das Mitleid und die Abscheu der Fernsehzuschauer zu erregen, eine unverzichtbare Voraussetzung, um ihre Geldbörsen zu öffnen.
Nun, alles wird man ihnen nicht gezeigt haben, nicht, was ich gesehen habe, nicht die leblosen Körper, die man zu den Toten auf die Lastwagen warf, wo sie für einen Moment wieder zum Leben erwachten und versuchten, vom Leichenberg zu klettern, stürzten, zu Boden fielen und nun wirklich tot waren. Nicht die Helfer, die über diesen Slapstick des Todes in hysterisches Lachen ausbrachen. Nicht die Lastwagen mit den Hilfsgütern, die keinen anderen Weg fanden und über dürre Leichen rollten, die unter den Rädern knackten wie brennendes Reisig.
Und dazu machte sich zu jener Zeit zum ersten Mal seit siebzehn Jahren der Nyiragongo bemerkbar, spuckte Rauch und Lava aus, es war, als wollte die Natur den Menschen nicht alleine die Regie über das Höllenspektakel überlassen. Eindrucksvolle Bilder, die jede andere Ansicht des Elends weit in den Schatten stellten und einen ersten Platz in den Abendnachrichten füllten. Jede Hilfsorganisation wollte nach Goma, sie stritten sich um die Einsätze, und ich wusste, diese beinahe perfekte Hölle, der Vulkan, die Leichen, war nicht die Strafe für die Mörder, sie war die Voraussetzung, damit die Mörder aufgepäppelt wurden. Und es war ein guter Preis, denn alles in allem starben doch nicht mehr als einige Zehntausend von denen, die einige Hunderttausend umgebracht hatten. Doch ihr Glück war, vor den Augen der betroffenen Welt zu krepieren, und ein Tod vor laufender Kamera ist mehr wert als hundert ungesehene Tode. Und wenn man auch wusste, wer hier starb, und man um das Lager einen Stacheldrahtzaun hätte ziehen müssen, die Mörder einsperren und vor Gericht hätte stellen müssen, so brachte man dies im Namen der Menschenliebe natürlich nicht übers Herz.
Auf der Terrasse des Hotels des Grands Lacs fand jeden Morgen die Versteigerung der Toten statt, die Zahlen wurden an die drängelnden Presseleute verkauft, und die Vertreter der Hilfsorganisationen benahmen sich wie Jahrmarktsschreier, bemüht, möglichst hohe Opferzahlen präsentieren zu können, denn eine große Zahl in den Schlagzeilen bedeutete eine große Zahl auf ihrem Spendenkonto.
Ich fand Agathe im nördlichen Sektor des Lagers Mugunga, mit Sicht auf den Kivu und auf Gisenyi, wo wir uns einst vergnügt hatten. Das heißt, ich fand eine Person, von der man behauptete, es sei Agathe, und obwohl ich ihre Sommersprossen erkannte und der Schirm mit dem Entenkopf neben der Pritsche lag, auf der sie mit dem Tod rang, war es schwierig, in dieser von der Cholera ausgedörrten Person meine Liebe zu erkennen. Von den Lippen, nach denen ich so verrückt gewesen war, war kaum etwas übrig, die Augen waren zwei trockene, schmutzige Tümpel, das Gesicht bis auf den Schädel eingefallen, und das Einzige, das schön war wie immer, glänzend, gesund und makellos, waren ihre Zähne, die zu einem schrecklichen Lachen entblößt lagen. Die Milizionäre, die mit mir im Zelt waren, wurden ungeduldig, zu lange hielten sie hier schon Wache, zu lange hielt sie Agathes Sterben in diesem Zelt fest, ich spürte, wie sie auf ihren Tod drängten, der sie von ihrer Aufgabe erlösen würde, freigeben für die Geschäfte des Überlebens, die draußen auf sie warteten, und ich spürte, wie sie mich für den ausbleibenden Tod verantwortlich machten. Solange ich bei ihr war, würde sie nicht sterben. Ich nahm ihre Hand, die schwer war, weil der ganze Arm daran hing, und ich wusste, dass an einem Sterbebett kein Triumphgefühl aufkommen sollte, und trotzdem befiel mich eine große Befriedigung, als ich in ihren Augen einen letzten Rest Erstaunen zu erkennen glaubte, eine Verwunderung, dass ich es war, der in ihren letzten Momenten bei ihr war. Ich habe es dir immer gesagt, murmelte ich, immer habe ich es dir gesagt, und eine Stimme in meinem Innern begann zu frohlocken, denn unzweifelhaft breitete sich so etwas wie Überraschung auf ihrem Gesicht aus, und zum ersten Mal erkannte ich Agathe, sah ich hinter die Maske, hinter den Spiegel ihrer Augen, in dem ich immer nur mich gesehen hatte, meine Eitelkeit, Vergnügungssucht, meinen Zorn auf dieses Land, und jetzt war da so etwas wie eine Seele, ein Mensch, ein Leben.
Ich hätte mich in jenem Moment abwenden und gehen sollen, dann würde ich mich heute als Sieger fühlen, dann hätte ich niemals erfahren, wie ich auch dieses Mal alle Zeichen missdeutet hatte. Nicht ich war der Grund für ihre letzte Verblüffung, es war der Tod selbst, der sie überraschte, denn in jenem Moment starb Agathe, und was ich immer noch im Ohr habe, was nicht aus meinem Kopf weichen will, ist dieses Geräusch, wenn die Zunge sich plötzlich vom Gaumen löst, dieses Schnalzen, das am Anfang und am Ende meiner Erinnerung an Agathe steht. Das erste Mal damals auf dem Flughafen gab sie mir damit zu verstehen, wie lächerlich sie mich fand, und das zweite Mal entstand es, weil der Tod ihr alle Kraft nahm und die Zunge in den Rachen fallen ließ, und obwohl dieses Geräusch nicht willentlich erzeugt wurde, verhöhnt es mich seither, geht nicht aus meinen Kopf, denn ich weiß, sie sollte recht behalten, in allem, denn schon bald stand ich am Flugfeld in Goma, und am Horizont erschien ein winziger gleißender Punkt, der sehr bald größer wurde, laut auch, und der große weiße Engel landete, ich sank in seinen Schoß, und er brachte mich zurück in das Land der Unschuldigen, und wen es aufnimmt, der wird auch unschuldig.
Ich habe in den Jahren danach versucht, jede Aufregung von meinem Leben fernzuhalten, und nur manchmal, wenn ich all die klugen Leute höre und all die schlauen Bücher lese, die seither über diese Zeit geschrieben wurde, dann suche ich in den Stichwortregistern meinen Namen, auch den Namen des kleinen Paul, den Eintrag unter Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, und wenn ich ausnahmsweise fündig werde, dann steht da höchstens, dass wir dort gewesen sind, und vielleicht noch, dass wir von allen Nationen das meiste Geld in dieses Land gesteckt haben. Unser Glück war immer, dass bei jedem Verbrechen, an dem je ein Schweizer beteiligt war, ein noch größerer Schurke seine Finger im Spiel hatte, der alle Aufmerksamkeit auf sich zog und hinter dem wir uns verstecken konnten. Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten. Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben und nicht in der roten Soße unterzugehen.
Ich bin nach meiner Rückkehr durch dieses Land gezogen, und ich habe nur gerechte Menschen gefunden, Menschen, die wissen, was gut und was schlecht ist. Was einer zu tun hat und was zu unterlassen ist. Hier ist es gut, jetzt ist es gut, der Schnee ist gut, ich hoffe nur, sie werden ihn nicht gleich wieder wegräumen mit ihren Maschinen, oder Salz streuen, was noch viel schlimmer ist. Vielleicht lassen sie ihn einmal liegen, vielleicht kriegen sie es einmal übers Herz, sich in ihre Häuser zu verkriechen und für eine Weile einfach nur zuzusehen, wie dieser Schnee aus dem Himmel fällt. Ich wette dagegen.