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Bugatti taucht auf Dea Loher

Bugatti taucht auf

Roman


€ 19,90 (D) | € 20,50 (A)

208 S., geb., Schutzumschlag
Format: 12,0 x 20,0
ISBN 978-3-8353-1054-4

Inhalt

Dea Lohers Roman nimmt Existenzielles in den Blick, er fragt nach dem Sinn des Lebens angesichts eines vollkommen sinnlosen Todes und findet Bilder von großer Eindringlichkeit.

Zwei Handlungskreise verknüpft Dea Loher miteinander, denen beiden reale Begebenheiten zugrunde liegen: Ein junger Mann wird während der Fasnacht 2008 in Locarno von einer Gruppe Jugendlicher geschlagen, getreten und schließlich umgebracht. Aber je minutiöser die Rekonstruktion der Tat aus dem Puzzle der Zeugenaussagen versucht wird, umso schillernder und unschärfer wird, was wirklich (und warum) geschehen ist. Die oder den Schuldigen zu finden ist trotz der klaren Beweislage schwieriger als gedacht, und gesühnt ist die Tat damit bestenfalls ansatzweise.
Ein Freund der Familie des Opfers sucht einen anderen Weg: Er erinnert sich an ein Autowrack, das seit 75 Jahren auf dem Grund des Lago Maggiore liegt: Ein Bugatti Brescia 22. So sagt man wenigstens. Alle bisherigen Versuche der Bergung waren nicht von Erfolg gekrönt. Und nun wird das Tauchen in die Tiefen auch der eigenen Abgründe ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
Keine deutschsprachige Dramatikerin wird in ihrer Heimat und weltweit häufiger und erfolgreicher auf die Bühne gebracht (mehr als 300 Inszenierungen, Übersetzungen in 31 Ländern) als Dea Loher. Nach ihrem hoch gelobten Erzählungsband »Hundskopf« (Wallstein 2005) legt sie nun ihren ersten Roman vor.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2012

Leseprobe

Dea Loher
Aus: Bugatti taucht auf
(2. Der Mord)

I

Luca und Angelo nahmen den Bus, der um 19.23 von Gordemo nach Locarno fuhr, unterwegs stieg Gianni zu. Gianni hatte sein Gesicht geschminkt à la Jack la Zucca, seine Haare waren pinkfarben, und er achtete darauf, dass sie unter der schwarz-weiß gestreiften Wollmütze in dicken Büscheln hervorlugten, eine Strähne hatte er so nach vorne gekämmt, dass sie ihm ständig ins Gesicht fallen musste. Auch seine Fingernägel waren pink, die von Luca aber lila; sie hielten sie vergleichend nebeneinander, Gianni schnalzte mit der Zunge, Luca lachte.
Alle drei trugen schwarze Jeans und schwarz-weiß gestreifte T-Shirts, Angelo hatte sich dazu in eine silberne taillierte Jacke gezwängt und einen schwarzen Umhang um die Schultern geworfen, der bis zu den Oberschenkeln reichte und ihm etwas vogelhaftes gab; er hatte halblange schwarze Haare, und sein Gesicht war weiß geschminkt.
Luca hatte sich eine schwarze Perücke über die kurzrasierten Haare gezogen; um sein linkes Auge waren drei breite Kreise gemalt, konzentrisch um das dunkle Rund der Iris und der Pupille; auch seine Lippen waren schwarz, um den Hals hatte er einen schwarzen Schal geschlungen, und außerdem hing da eine Kette mit drei schwarzen Herzen aus matt glänzendem Acrylglas, die aber wegen des Schals nur hin und wieder zu sehen waren, wenn er sich vorbeugte oder eine unerwartete Bewegung machte.
An den Füßen hatte Luca seine schweren Militärstiefel, Angelo schwarze Turnschuhe, und Gianni trug Bergschuhe. Er sagte, bei so einer Gelegenheit wie der Stranociada und bei dem nassen Winterwetter würden seine guten Schuhe zu schnell dreckig, und das konnte er nicht leiden.
Sie waren zu sechst, und sie hatten sich um 20 Uhr herum in Biancas Garage verabredet, in der Nähe des Bahnhofs. Schon am Tag vorher hatten sie zwei Kästen Bier à 15 Flaschen besorgt und dort abgestellt.
Bianca hatte für ihre Winterstiefel karierte Gamaschen aufgetrieben, sie trug leuchtend blaue Netzstrümpfe unter einem kurzen schwarzen Taftrock und Netzhandschuhe, die ihr bis zum Ellbogen reichten, dazu eine Art Bustier aus dunkelblau und schwarz kariertem Polyesterstoff, der Ausschnitt gesäumt von einer schmalen roten Federboa, darüber eine kurze schwarze Lederjacke, die recht dünn aussah. Sie schien sehr lange an ihrer Frisur gearbeitet zu haben, die sich in einer imponierenden schwarzen Welle nach vorne über die Stirn hinaus wölbte und frei über dem Scheitel wippend endete; sie sah steif und beinahe unzerstörbar aus, und vielleicht war es auch eine Perücke.
Dann tauchten Toni und Marina auf und waren angezogen wie sonst auch, mit dunkelblauen Jeans und Wollpullovern, und wegen der Kälte trugen sie darüber ihre Anoraks.
Niemand machte eine Bemerkung darüber, dass Toni und Marina sich nicht verkleidet hatten. Sie waren zu aufgekratzt, um sich auf die von Bianca angebotenen Klappstühle zu setzen; sie stellten ihre Schuhe auf die Sitzkanten, kippten die Stühle in die Schräge und wippten mit ihnen, während sie sich von den Zigarillos nahmen, die Toni und Marina mitgebracht hatten.
Tatsächlich waren es keine Zigarillos, sondern die Zigaretten, die sie sonst auch rauchten; sie nannten sie nur anders und taten so, als ob es Zigarillos wären, sie hielten sie zwischen geradegestreckten Fingern, zogen langsamer und stießen den Rauch affektierter aus; es gehörte zu ihrem Spiel.

Jetzt nahmen die Jungen je einen Kasten Bier zu zweit, die Mädchen schlossen die Garage ab, und zusammen machten sie sich auf den Weg zum Castello Grigio. Das Castello war ein Verein für Fans von Internetspielen, von Fantasy- und Rollenspielen vor allem, und alle sechs trafen sich dort regelmäßig, zum harten Kern gehörten etwa dreißig Mitglieder. Sie hatten den Schlüssel für das Hinterzimmer und waren um 20.45 Uhr dort. Am Vortag hatte Gianni ungefähr ein weiteres Dutzend Bekannte in den Treffpunkt eingeladen, via Rundmail. Die nächsten zwei Stunden blieben sie in dem Hinterzimmer, Leute kamen, tranken ein Bier, rauchten eine Zigarette und gingen wieder, einer brachte eine Flasche Schnaps mit, die anderen hatten sich darauf verlassen, dass Gianni und seine Freunde genügend Bier besorgen würden. Insgesamt waren es im Schnitt zehn Personen, die um die kleinen Tische saßen, rauchten und redeten. Die zwei Kästen waren schnell geleert, keiner hatte viel mehr als eine Flasche getrunken, Gianni hatte einen shot dazu gekippt, Toni zwei, Luca hatte nur Bier getrunken.
Um 23.15 gingen auch die sechs aus der Garage los, die als Gastgeber bis zuletzt ausgeharrt hatten. Sie wollten an einem der Imbissstände etwas essen und dann durch die Festzelte ziehen, die sich auf die kleinen Plätze der Altstadt verteilten. Die Zelte wurden von lokalen Veranstaltern betrieben, meist ein Sportclub, und versuchten sich einem bestimmten Motto und einer Musikrichtung zu widmen, nur die Openair-Bühnen auf der Piazza San Antonio und der Piazzetta Respini wurden live bespielt. Aber nachdem sie das Hinterzimmer abgeschlossen und das Castello im Dunkeln gelassen hatten, verloren sich die Mitglieder der Gruppe.

Toni und Marina kamen als erste auf der Piazza San Antonio an, und nachdem sie an einem Stand Hot Dogs und Pommes gegessen hatten, gingen sie in das Zelt, wo sie ein paar Bekannte trafen. Als sie wieder draußen waren, nach etwas mehr als einer halben Stunde, versuchten sie sowohl Luca als auch Bianca auf dem Handy zu erreichen. Beide Telefone waren anscheinend abgeschaltet. Bei Giannis Nummer sprang die Mailbox an. Sie hinterließen ihm eine kurze Nachricht, wo seid ihr, ruft zurück. Es war kurz vor Mitternacht. Als sie Minuten nach Mitternacht noch mal versuchten, einen der Garagenfreunde zu sprechen, erreichten sie Angelo, der ihnen erzählte, was passiert war.

Luca und Angelo waren gleich in das Hauptzelt auf der Piazza San Antonio gegangen und tranken beide ein kleines Bier mit 0,33 Liter. Dafür brauchten sie nicht mehr als zehn Minuten. Gianni und Bianca hatten draußen auf der Straße gewartet, sie wollten rauchen, und sie wollten mit ihren Handys Aufnahmen von den schrägsten Masken machen, die vorbeikamen. Danach beschlossen die vier, eine Runde zu drehen. Sie liefen zuerst die Via all'ospedale hinunter Richtung Krankenhaus, am Schreibwarenladen vorbei, ließen das Zelt auf der Piazzetta dei Borghesi rechts liegen, gingen die Via San Antonio hinunter und bogen links in die Via Corporazioni, auch hier ohne einen Blick in das Zelt zu werfen. Die Straßen waren voller aufgekratzter, übermütiger Menschen, manche unter ihren Masken nicht zu erkennen, andere in Alltagskleidung. Sie mussten aufpassen, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Ihr Ziel war ein Lokal in der Via Borghese.


II

Am Nachmittag desselben Tages traf Valon sich mit einem Bekannten, der ihn gebeten hatte, ihm beim Streichen seiner Wohnung zu helfen. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer, der Küche und einem winzigen Duschbad. Der Bekannte hieß Franco, den Nachnamen kannte Valon nicht. Sie kauften zwei Eimer weiße Innenfarbe und brachten sie in Francos Wohnung. Zwischen 16.00 und 18.00 Uhr arbeiteten sie gemeinsam; sie rückten die wenigen Möbel des Wohnschlafzimmers in der Mitte zusammen, nahmen die paar Poster von der Wand und rollten sie ein, klebten Fußbodenleisten und Türrahmen ab und fingen an zu streichen. Um 18.00 Uhr ging Franco arbeiten, er war als Kellner im Ristorante Piccolo Giardino beschäftigt; nach seinem Feierabend um 21.30 wollte er zurück sein, um Valon weiter zur Hand zu gehen; den zweiten Wohnungsschlüssel ließ er für ihn auf dem Küchentisch liegen. Etwas mehr als zwei Stunden später, um 20.30, rief Valon auf Francos Handy an und teilte ihm mit, er sei bereits fertig mit Streichen, und er gehe jetzt. Das war gemäß ihrer Verabredung in Ordnung, Valon sollte nur die erste Schicht Farbe im Wohnzimmer auftragen, Franco und sein Kumpel wollten die Küche streichen und sich um die zweite Schicht kümmern. Valon nahm Francos zweiten Wohnungsschlüssel mit. Er ging nach Hause, aß zu Abend und traf sich dann mit Branko, der unten auf der Straße vor dem Haus schon wartete.